Preisträger 2021 und die Begründung der Jury

1. Preis   Wachsig
 
  

Weiße Gesichter mit tiefliegenden Augen, ausgezehrt und farblos einheitlich gekleidet bewegen sich in einer trostlosen Welt. Drei Spieler:innen wechseln ständig in der Darstellung der einzelnen Personen. Begeisternde  Körperlichkeit und sehr bewußt gesetzte Sprachakzente erzeugen zusammen mit der Musikerin eine groteske, beklemmende Dystopie. Satzgesang, kommentierender Gesang der Musikerin auf der Szene und eine sehr gut ausgewählte musikalische Fläche unterstützen brillant das artifizielle Spiel. Die Figuren sind überzeichnet und doch wird der schmale Grat zwischen klamaukhafter und sehr direkter Deutlichkeit gewahrt, das ist eine tolle dynamische Leistung der vier Spieler:innen. Das hohe Niveau der Differenzierung arbeitet mit schnellen, harten Brüchen die Überraschungen des Textes heraus. Wir werden in eine triste, kalte und bedrückende Atmosphäre eingesogen, so unlebendig und voller Not, dass nur zu hoffen bleibt, nie in einer solchen Gesellschaft leben zu müssen.  

 
2. Preis „Creatures Hill“
 
 

 

 

 

 

Die Köpfe der Spielerinnen sind große Masken, reptilienhaft, von verstörender Hässlichkeit und doch sehr fragil im Ausdruck. Sie überzeichnen die sehr verletzlichen Charaktere der Figuren in ihrem familiären Umgang mit einem scheinbar bösartigen und brutalen Kind. Die Spielerinnen beeindrucken mit ihrer Körpersprache, was eine Dynamik erzeugt, auch durch die es leicht fällt, sich in den Sog dieser beklemmenden  Grundstimmung ziehen zu lassen. 
Alle Figuren können aus dem Eigenen nicht heraus, sind gefangen durch die Umstände, finden keinen anderen Lösungsansatz als das „Monster“ weg zu geben. Weil dies aber nur ein Teil des Dramas ist, bleiben für jede einzelne Figur viele eigene Nöte, die den Horror zuspitzen. Keiner kann dem Dilemma entrinnen. Angst ist immanent, der brutale Umgang der Figuren miteinander ist die Konsequenz aus Abhängigkeit und Ohnmacht. Die Musik unterstützt dieses eigenartige schuppige Gefühl auf der Haut beim Zuschauen. Durch die beindruckenden Masken und die exzellenten peripheren Fähigkeiten der Spielerinnen werden die düsteren Abgründe dieser Menschen in erstickender Brutalität sehr glaubhaft dargestellt. 

 
3. Preis „Blätter, Dämmerung, Die Esche von Eythra“
 
   

Wir werden abgeholt von einem elegant gekleideten Mann zum einzigen Platz gewiesen und durch ein rundes Loch in eine eigene, sehr durchdachte und mit viel Liebe zum Detail gestaltete Welt des Untergangs geführt. Entwurzelte Menschen kämpfen mit dem Abraum ihrer kleinen und doch so alles bestimmenden Lebenswelt. Im zwanzig Minuten langen Hörspiel sehen wir über den Abgrund des Guckloches hinaus in unsere eigene Welt die in unserem Kopf entsteht. Der Text bedient mal die nordische Metrik, mal ist er erzählend und auch das O-Tonhafte der einzelnen Charaktere die aus der Geschichte fast greifbar heraustreten macht es insgesamt sehr rund bis ins Detail durchdacht und somit wunderbar Komplex. Wie der Dialekt unterstreicht auch der Gesang, zwölftonal instrumentalisiert, hier noch das Herangezogen werden in den Kastenraum und gibt nochmal eine eigene Note in diesem feinen menschelndem Spiel ohne Figuren. 

Photos © Beate Nelken
 
 
Herzlichen Glückwunsch allen Preisträger*innen!
 
Die Festivalleitung und das gesamte Team bedanken sich bei ALLEN Teilnehmenden und den Workshopleiter*innen für drei intensive, prall gefüllte Tage mit beeindruckenden Produktionen, tiefgreifenden und bewegenden Themen, überraschenden und kunstvollen Stilmitteln und beglückenden und bereichernden Begegnungen, bei Beate Nelken für die grandiosen Photos und bei der Jury für Ihr kluges Schauen, die kompetente Analyse und das Ringen um die Entscheidung und bei Barbara Wetzel für die Applausmaschine.
Vielen herzlichen Dank!
 

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